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RZ Oberwallis 01/11/16: Frontal-Inverview: Die Verantwortung bereitet mir keine schlaflosen Nächte

Frontal-Inverview:
Die Verantwortung bereitet mir keine schlaflosen Nächte

Wiler / Lawinenverantwortlicher, Mineralienaufseher, ehemaliger Tourismusdirektor und noch einiges mehr. Das ist André Henzen, von Beruf Geologe und Bergführer. Im RZ-Interview spricht er über seine Verantwortung als Lawinenverantwortlicher und das Spezielle an der Zusammenarbeit mit Deutschschweizer SchauspielerInnen.

Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald

Der Winter steht vor der Tür und die Meteorologen haben die ersten Schneefälle angekündigt. Ist Ihr Auto wintertauglich?
Nein, mein Auto ist noch nicht voll wintertauglich. Ich habe die Winterpneus noch nicht montiert. Und das, obwohl ich in der letzten Ausgabe meiner Wettersendung am Radio die Schneefälle angekündigt hatte.

Sie sind verantwortlich für die Lawinensicherheit des Lötschentals. Was beinhaltet diese Aufgabe?
Das betrifft in erster Linie den Lawinenwarndienst Lötschental. Dabei geht es um die Sicherheit der Strasse von Goppenstein bis Blatten. Dazu gibt es noch weitere Aufgaben: Betreuung der Gemeinden, Lawinensprengungen und Einsitz in anderen Lawinenkommissionen: Fensterstollen Ferden (NEAT), Bahnhof Goppenstein und BLS-Autoverlad, Lawinenwarndienst KW Lötschen und Langlaufloipe Lötschental.

Was muss passieren, damit Sie beschliessen: Die Strasse Goppenstein – Blatten wird gesperrt?
Da muss man differenzieren: In manchen Kommissionen bin ich verantwortlich, ob gesperrt wird, in anderen berate ich nur. – Das Ganze verlangt eine komplexe Situationsbeurteilung: Wie sah der Witterungsablauf in den Tagen vorher aus, wie ist die Beschaffenheit der Schneeoberfläche, welche Lawinen sind schon abgegangen? Die Aufgabe ist nicht machbar, ohne dass man die Situation nicht schon über längere Zeit beobachtet hat. Ich nehme keine neuen Aufträge mehr an, wenn der Winter schon angelaufen ist, und zwar eben gerade aus diesen Gründen.

Wie muss man sich die Zusammenarbeit mit dem eidgenössischen Schnee- und Lawinenforschungsinstitut Davos vorstellen?
Das Schnee- und Lawinenforschungsinstitut Davos (SLF) liefert das nationale Lawinenbulletin. Die regionalen Lawinenkommissionen stehen zum Teil in täglichem Kontakt mit dem SLF. Dazu erhalten wir jeweils morgens um 8.00 Uhr noch das regionale Lawinenbulletin Oberwallis, welches die Geschehnisse der Nacht berücksichtigt. Über die Situation im Lötschental sind wir selber natürlich besser informiert. Die teils privaten Messstationen liefern die Daten über die Gesamtschneehöhe, den Neuschneezuwachs, die Schneetemperatur, die Lufttemperatur, den Wind, die Windrichtung und die Luftfeuchtigkeit. Das wichtigste ist die Verbindung des Neuschnees mit dem Altschnee. Je nach Kälte und Wind kann sich der Neuschnee nur schlecht mit dem Altschnee verbinden. Dann können schon 10-20 Zentimeter Neuschnee zur Gefahr für einen Skitourenfahrer werden.

Die Verantwortung, die auf Ihnen lastet, ist gross. Schliessen Sie die Strasse zu früh, machen Sie Einheimische und Tourismusverantwortliche wütend, schliessen Sie zu spät, kann es fatale Folgen haben?
Die Verantwortung ist sicher gross. Eines habe ich aber die letzten drei Winter festgestellt: Ich komme mit dieser Naturgefahr immer besser zurecht. Die Lawinengefahr ist mir sympathischer als andere Naturgefahren. Weil sie sich relativ langsam aufbaut und die Datengrundlage teilweise optimal ist. Die Verantwortung bereitet mir keine schlaflosen Nächte, aber das heisst nicht, dass wir die Gefahr unterschätzen. Allerdings, bevor es dann wirklich zu einer Strassensperrung kommt, schlafe ich nicht mehr viel. Viele Stellen müssen benachrichtigt werden. Dazu habe ich einen SMS-Dienst eingerichtet, damit ich die Bevölkerung optimal über die Entwicklung der Situation informieren und allfällige Strassensperrungen zwei Stunden vorher ankündigen kann.

Sie waren im Lawinenwinter 1999 im Lötschental an vorderster Front dabei. Wie haben Sie diese schlimme Zeit erlebt?
Wir sprechen im Lötschental vom Lawinenwinter 1950/51, wo menschliche Opfer zu beklagen waren und vom Jahrhundertwinter 1998/99 wegen den aussergewöhnlichen Neuschneemengen. Gottseidank kamen dabei keine Personen zu Schaden. Das Schadensausmass war gewaltig. Schon im vornherein hatten wir allerdings praktisch alles organisiert. Die Evakuation der Bevölkerung, resp. das Ausfliegen der Gäste funktionierte reibungslos und wurde sehr früh eingeleitet. Ich selber hatte eigentlich keine Angst. Ich hatte natürlich Respekt vor meiner Aufgabe. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis innerhalb des Teams, ich konnte mich voll auf meine Stellvertreter Pius Henzen und Manfred Werlen verlassen. Alle Entscheide wurden immer einstimmig gefasst. Eines unserer Erfolgsrezepte war sicher, dass wir in einem relativ kleinen Team arbeiten, in dem noch Leander Kalbermatten und Herbert Rieder Einsitz haben.

Auch die Unwetterkatastrophe vom Herbst 2000 hat das Oberwallis arg in Mitleidenschaft gezogen. Haben Sie Angst, dass solche Naturereignisse in Verbindung mit strengen Wintern sich in Zukunft häufen?
Es hat auch in früheren Jahrhunderten immer schon Naturkatastrophen gegeben hat. Weil wir heute so gut informiert sind via Medien, haben wir das Gefühl, dass sich die Naturkatastrophen häufen. Das ist eigentlich nur ein Wahrnehmungsproblem. Angst zu haben ist da ganz sicher fehl am Platz. Ein Stichwort ist allerdings die Klimaerwärmung. Die sogenannten Katastrophenwinter sind aber nicht auf den Treibhauseffekt zurückzuführen. Bei anderen Katastrophen wie Überschwemmungen kann das schon eher der Fall sein.

Der Schweizer Film „Im Namen der Gerechtigkeit“, der am 13. Januar 2002 abends auf SF1 im Fernsehen gezeigt wird, hat einen direkten Bezug auf die Lawinensituation im Lötschental. Sie waren Regieassistent und haben die Dialoge ins Lötschentalerdeutsch übertragen. Das war eine ganz neue Erfahrung?
Vielleicht in der Summe als Ganzes, ja. Allerdings war jede einzelne Aufgabe nichts Neues. Mit Lawinen beschäftige ich mich ja auch bei der Ausbildung von Skilehrern und Bergführeraspiranten. Zudem habe ich schon seit Jahren mit Laientheater zu tun. Für das Freilichttheater, welches wir 2002 aufführen, hatte ich schon vor dem Film das Stück in die Lötschentaler Mundart übertragen. Allerdings war die Übersetzung für den Film in der Hinsicht schwierig, als das Lötschentalerdeutsch einerseits authentisch, andererseits aber für Deutschschweizer noch verständlich sein musste. Und darum mussten wir ziemlich aufwändig neue Formulierungen suchen. Die Erfahrung auf dem Film-Set selber: Das ist schon ein spezielles Feeling. Allerdings mussten wir sprachlich intensiv mit den Deutschschweizer Schauspielern arbeiten. Einige Schauspieler sind unwahrscheinliche Perfektionisten, welche ihre Rolle möglichst gut spielen wollten. Erst wenn ein Einheimischer vorbeikam und ihnen zum Dialekt gratulierte, waren sie zufrieden.

Als studierter Mineraloge und Geologe haben Sie ursprünglich mit Gestein zu tun. Bei der NEAT haben Sie ein Mandat als sogenannter Mineralienaufseher. Müssen Sie da auf Steine aufpassen?
(lacht) Nicht unbedingt. Als Mineralienaufseher des Kantons bin ich zuständig für Mineralien, welche beim Stollenbau zum Vorschein kommen. Die besten davon kommen ins Kantonsmuseum, ein Teil geht an die regionalen Museen, und ein Teil geht an die Mineure. Es dürften schliesslich an die sechzig verschiedene Mineralien im Tunnel vorkommen. Das Lötschental ist ein klassischer Fundort für Mineralien. Auch im Tunnel findet man sie, allerdings meistens in einem schöneren Zustand, weil sie unverwittert sind. Zudem geht es auch um Forschungszwecke. Verschiedene Universitätsinstitute unterstützen uns bei der Bestimmung von kleinsten und eher seltenen Mineralien.

Sie waren 15 Monate lang Lötschentaler Tourismusdirektor? Warum nur so kurz? Sind Sie gescheitert?
Ja, aus meiner persönlichen Warte betrachtet, muss ich sagen, dass ich gescheitert bin. Ich habe mir nicht vorgestellt, dass ich diese Aufgabe nur so kurz machen würde. Die Erwartungen an mich waren sicher höher als an andere Direktoren, weil seit Jahren wieder einmal ein Einheimischer in dieser Position war. Aber es kamen verschiedene Mehraufgaben dazu, welche vorher nicht absehbar waren. Das alles erschwerte meine Arbeit ungemein. Die Situation war speziell. Ich übernahm den Verein schon mit einem rekordverdächtigen Defizit. Das sind sehr schlechte Voraussetzungen. Das Controlling bekam erste Priorität. Alle zwei Monate musste ein Zwischenbericht erstellt werden. Meines Erachtens hatten wir auch zu wenig Personal für die anfallende Arbeit. Wir verfügten über einen der grössten Vorstände im Oberwallis, was einem schnellen Konsens nicht zuträglich ist. Ich musste einsehen, dass ich auch mit 150-prozentigem Einsatz meine persönlichen Ziele nur zu einem Drittel erreichen konnte. Die Kreativität blieb praktisch auf der Strecke. Darum habe ich nach einem Jahr gekündigt. Ich bin nicht frustriert, sondern froh, dass ich diese Arbeit einmal gemacht habe. Jetzt habe ich nicht mehr das Gefühl, dass ich es besser machen könnte. Ich habe grossen Respekt für jeden, der ein solches Amt bekleiden darf - oder muss.

Sie sind Mineralienaufseher, Chef des Lawinendienstes, ehemaliger Tourismusdirektor, Wetterfrosch bei RRO, Regieassistent – haben wir noch etwas übersehen?
(lacht wieder) Ja, da wären noch Bergführer, Gleitschirmfluglehrer und Organist. Ich bin mir jedoch voll bewusst, dass heutzutage eine solche Vielfältigkeit auch Nachteile haben kann. Man kann nicht in mehreren Disziplinen an der Spitze sein. Heute versuche ich, nicht mehr in allen Dingen ein Perfektionist sein zu wollen.


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